Aus dem Blickwinkel eines Wendekindes: Wandeln zwischen den Welten
Zwei Herzen schlagen in meiner Brust – begleitet von der manchmal drängenden Identitäts-Frage, wer bin ich eigentlich:
Westdeutsche? Oder Ostdeutsche?
Keine der beiden Fragen kann – und will – ich mit einem eindeutigen Ja oder Nein beantworten. Sollte ich ein Label nennen, so kann ich mich noch am ehesten mit dem Begriff Wendekind identifizieren, denn für mich persönlich trägt dieser Ausdruck etwas Verbindendes in sich. Und zugleich dieses in Bewegung Seiende, manchmal etwas Rast- und Ruhelose, nicht ganz Greifbare. Keine Festlegung auf Ost oder West, die den Teilungs-Gedanken nur reproduzieren würde.
Und doch ist es manchmal unvermeidlich, die Begriffe Ost und West zu verwenden, da man sonst beim Versuch, den unterschiedlichen Lebenserfahrungen in den jeweiligen Teilen des Landes gerecht zu werden und dabei, sie einordnen und verstehen zu wollen, recht schnell „an Grenzen stößt“.
Für mich persönlich trifft Wendekind als Identifikations-Begriff sogar ziemlich gut, da das, was mich geprägt hat – nämlich eine beidseitige Sozialisierung – ganz wesentlich durch die Wende erst bedingt und möglich wurde. Auch wenn ich die DDR außerhalb des Bauchs meiner Mutter nicht miterlebt habe, so bin ich doch von ihren Nachwehen stark beeinflusst. Ich sehe es heute als ein Geschenk an, beide Perspektiven mit auf den Weg bekommen zu haben. Dies war nicht immer so. Und auch nicht immer so einfach.
Auch wenn ich 1990 im Westen geboren bin, wurde ich durch die enge Bindung zu meinen Eltern und ohne West-Verwandte – ich nenne es mal – überwiegend ostdeutsch sozialisiert, mit allen kulturellen und Mentalitäts-Unterschieden, die immer wieder im Alltag sichtbar und spürbar wurden.
Kaum geboren, bin ich, meist mehrfach im Jahr, mit meinen Eltern von Bayern rübergefahren, nach Brandenburg. Als Kind habe ich selbst gespürt und aus dem Erzählen meiner Eltern sowie aller im Osten lebenden Verwandten mitbekommen, dass trotz Wiedervereinigung nach wie vor zwei unterschiedliche Welten existieren. Zwischen diesen wandelte ich, geradezu wörtlich.
Ich erinnere mich an stundenlange Autofahrten als Kind. Ich wartete während unserer Überfahrten immer auf diesen einen, seltsamen Moment der Anspannung, den ich damals nicht einzuordnen wusste. Dieser Augenblick, in dem meine Eltern sich während der Fahrt auf freier Strecke bedeutungsvoll nach hinten zu mir umwandten und verkündeten: „Jetzt ist die Grenze nicht mehr weit. Kannst du den Wachturm dort hinten schon sehen, Sandra? Da verlief der Zaun. Da standen sie und haben die Umgebung überwacht.“ Die Tatsache, dass von dort aus auch auf Menschen geschossen wurde, erwähnten sie mir gegenüber damals noch nicht. Dennoch spürte ich, dass hier etwas sehr Unheimliches gewesen sein musste, dessen Spuren man offenbar noch heute erkennen konnte.
Anfang der Neunziger fuhren wir die lange Strecke oft nachts. Ich erinnere mich daran, dass ich nicht schlafen konnte, vom flackernden Licht der endlos sich aneinanderreihenden, zweiarmigen Laternen auf dem Mittelstreifen fasziniert und irritiert zugleich.
Waren wir wieder einmal drüben, bei den Verwandten, so saß die DDR in Gesprächen immer mit am Tisch. Fast bei allen Themen wurde auf Erinnerungen Bezug genommen („zu DDR-Zeiten noch… “). Ich habe die Möbel in den Häusern und Wohnungen meiner Verwandten noch vor dem inneren Auge, genau wie scheinbar unkaputtbare Haushaltsgegenstände, die die Wendezeit überlebt hatten. Sonntags auf dem Frühstückstisch bei Oma standen die bunten Plaste-Hühner-Eierbecher. In der Stadt standen – manchmal gerade noch – unzählige nicht sanierte Häuser. Ganze Straßenzüge mit eingeschlagenen Fensterscheiben und sich lösenden Dachziegeln. Auf den Dörfern gar keine befestigten Straßen, sondern staubige Sandwege. Verlassene Höfe, überwuchert von Grün und in sich zusammenfallende Backsteinbauten alter LPGs mitten in der Landschaft. Bis heute steht im Wohnzimmer meiner Eltern eine mit-rübergemachte DDR-Schrankwand. Ein wuchtiger, kastiger „Span-Plattenbau“ mit weißen Plaste-Griffknöpfen und ruckeligen Schubladen, die sich gerne immer wieder verkanten.
Ein Selbstverständnis von „hier ist meine Heimat, hier gehöre ich zu 100% hin“ wollte sich bei mir nie einstellen und ein solches fühle ich bis heute nicht. Heimat ist für mich kein Ort. Eher ein Gefühl der Verbundenheit – zu Menschen, Landschaften und Kultur. Das kann für mich im Westen sein, im Osten, irgendwo in Europa oder vielleicht wo auch immer auf der Welt.
Gerade deshalb schmerzt es mich ganz persönlich, wahrzunehmen, dass – nicht nur – in den Köpfen wieder Mauern hochgezogen werden. Dass der Mut vieler DDR Bürgerinnen und Bürger und letztlich der Geist der Friedlichen Revolution geschichtsvergessen verdreht und als Narrativ vereinnahmt wird, um damit antidemokratische Bestrebungen in der Gegenwart zu rechtfertigen.
Mein tiefer Wunsch ist es, die Entwicklungen während der Wende und in der Zeit danach besser zu verstehen. Wieso stehen wir heute so neben uns, so nebeneinander da? Warum ticken die Menschen in „Ost“ und „West“ auf den ersten Blick so unterschiedlich? Tun sie das wirklich? Nun, wir sind die Summe unserer Erfahrungen…
Der Tag der deutschen Einheit: Anlass zur Erinnerung an einen Auftrag
Menschen in den ostdeutschen Bundesländern haben nach der Wende im Vergleich zur westdeutschen Bevölkerung deutlich andere Erfahrungen und Einschnitte in ihrem Leben erfahren. Die Wende hat von heute auf morgen ungeahnte Freiheiten ermöglicht, aber die Zeit der rasanten Transformation hat auch tiefe Wunden gerissen. Diese sind teilweise bis heute nicht geheilt. Der Verlust von Existenzsicherheit, die Herausforderungen mit komplexen Problemen einer globalisierten Welt umgehen zu müssen, der Niedergang von ganzen Großstädten, Schließungen zahlreicher Betriebe und ein massiver Bevölkerungs-Wegzug, ein Gefühl der Entwertung eigener Lebensleistungen, teilweise die Nichtanerkennung von Abschlüssen und Berufserfahrungen, das Empfinden von Machtlosigkeit, die Wahrnehmung, überhört und übersehen zu werden, Perspektivlosigkeit der Jugend und schließlich Resignation und Trotz.
Während viele Menschen im Westen von all dem offensichtlich lange Zeit nichts mitbekommen haben (wollen), denn für die meisten hatte sich in der Nachwende-Zeit wohl in all diesen Lebensdingen kein derart fundamentaler Wandel ereignet, der das ganze Dasein bestimmte und veränderte.
Es ist keine plötzliche Radikalisierung, sondern die gewachsene Reaktion nicht weniger Ostdeutscher, auf ein über Jahrzehnte lang ignoriertes Ungleichgewicht und ein Unterschätzen dessen, welche Frustration sich über die Zeit angestaut hat. Genau dieser Frust wird von Rechtsradikalen, Verschwörungstheoretikern und Demokratiefeinden dankbar genutzt, um auf Stimmenfang zu gehen. Davon im Westen überrascht zu sein ist nur ein weiteres Symptom dieses Phänomens und zugleich eine Bestätigung dafür, dass ehrliche Kommunikation auf Augenhöhe offenbar nicht ausreichend gelungen ist. Gleichzeitig wurde dieser Austausch aber auch nicht immer beidseitig und vor allem nicht auf eine konstruktive Weise gesucht. Stattdessen erscheint es einfacher, über den anderen zu reden als mit ihm. Oder: es sich in einer Opferrolle gemütlich zu machen und in alte Zeiten zurückzusehnen, als innerhalb der Mauern alles noch vermeintlich geordnet und überschaubar war. Und dabei zu vergessen, dass im Gegensatz zu heute grundlegende Freiheits-Rechte wie freie Meinungsäußerung, Medien- und Pressefreiheit, Versammlungsfreiheit, freie Berufswahl oder Reise- und Bewegungsfreiheit in der DDR staatlich durch Überwachung und Gewalt massiv unterdrückt wurden. Mit Auswirkungen auf ganze Biografien und Familien über Generationen hinweg. All dies romantisch zu verklären und zu vergessen ist ein Schlag ins Gesicht für all jene, die als politische Gefangene in Haftanstalten der DDR saßen, denen aufgrund von Fluchtversuchen die eigenen Kinder entrissen wurden, von Menschen, deren Angehörige beim Versuch, die Grenze zu überwinden, ums Leben gekommen sind oder die unter großem persönlichen Risiko Ende der 80er oder bereits vorher auf die Straße gegangen waren, um ihren Forderungen nach Demokratie, Freiheit und Reformen Ausdruck zu verleihen.
All das darf niemals vergessen werden.
Umso mehr gilt es, Demokratie mit Leben zu füllen. Demokratie ist kein Zustand, der einmal erreicht von allein weiter besteht. Es ist eine fortwährende Aufgabe für uns alle.
Wir dürfen nicht achselzuckend am Spielfeldrand stehen und als Außenstehende weiter dabei zusehen, dass – wie einst die deutsche Teilung – erneut ein tiefer Riss durch unsere Gesellschaft geht. Dass Mauern in den Köpfen wieder hochgezogen werden.
Wir müssen uns zuhören, hinhören und uns über Sorgen, Ängste und Bedürfnisse austauschen. Aber auch klar widersprechen, wenn Grundwerte verletzt werden und Hass und Hetze statt Diskussion über tatsächliche Bedürfnisse und Sorgen den Diskurs bestimmen. Gemeinsam statt einsam an Lösungen arbeiten. Integrieren verschiedener Perspektiven statt Ausgrenzen von Menschengruppen aufgrund ihrer Herkunft, Identität, Orientierung oder aufgrund ihres Glaubens.
Klar machen, dass alle eine Stimme haben und ihre Meinung gehört wird.
Demokratie bedeutet: Mut gemeinsam nach Lösungen zu suchen, auch wenn diese nicht immer einfach sind. Demokratie leben heißt, unterschiedliche Sichtweisen zu berücksichtigen, mitunter widerstrebende Ansichten und Komplexität auszuhalten, was manchmal auch weh tut. Demokratie meint im Kern aber auch stets: die Fundamente dessen, was Demokratie ausmacht, zu verteidigen. Es beginnt bei uns selbst, unserer Haltung, in unserem Umfeld, in der Familie, im Freundeskreis, auf der Arbeit und ganz wichtig: an den Schulen. Demokratie kann dort bestehen, wo Beteiligung gelebt und Selbstwirksamkeit erlebt wird.
Für all das steht für mich der Tag der deutschen Einheit.
Auf dass es nicht nur ein einzelner Tag im Kalender bleibt, um sich dessen bewusst zu werden, was wir wertschätzen und schützen müssen.



0 Kommentare